Größer als ein Ford und besonders strömungsgünstig sollte er sein. Das waren die wenigen Vorgaben für den Designer des NSU Ro80, damals, Anfang der 1960er Jahre. Und er sollte für die NSU Motorenwerke AG ein besonderer Meilenstein werden – größer, prestigeträchtiger, futuristischer als die damaligen Platzhirsche in der oberen Mittelklasse, wie Citroën DX und die Göttin, Opel Kapitän, die Neue Klasse von BMW oder die Strich-Achter aus Stuttgart. Fünf Jahre lang wurde das Zukunftsauto auf Herz und Nieren getestet, bevor es der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Leider bliebt der erwünschte kommerzielle Erfolg aus, dennoch gilt der Ro80 bis heute als besonderer Geniestreich deutscher Ingenieure…
Die wichtigsten technischen Daten des NSU Ro 80 kurz zusammengefasst:
Der NSU Ro 80 war das erste Serienauto der Welt mit Zweischeiben-Wankelmotor, der sehr laufruhig und kompakt war. Im Motor arbeiteten zwei Rotoren bzw. Kreiskolben statt nur einer Scheibe. Der Motor hatte anfangs Probleme mit der Haltbarkeit, vor allem bei den Dichtleisten und der Abdichtung der Brennräume. Spätere Verbesserungen machten den Motor deutlich robuster, sodass der Ro 80 technisch zwar seiner Zeit voraus war, aber auch als Lernprojekt für die Weiterentwicklung des Wankelmotors gilt. Auch beim Getriebe gab es einen besonderen Clou: Der Ro80 besaß eine besonders komfortable Halbautomatik mit Drehmomentwandler und Kupplung, welche das Schalten ohne Kupplungspedal ermöglichte.

Solide und gut verarbeitet. Das Cockpit des Ro80. Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/cf/NSU_Ro_80%2C_Bj._76%2C_Motor_%28Sp%29.JPG/1280px-NSU_Ro_80%2C_Bj._76%2C_Motor_%28Sp%29.JPG
2: Auto des Jahres 1968
Eine besondere Ehre wurde dem Ro80 1968 zuteil. Als erstes deutsches Fahrzeug überhaupt wurde er zum „Auto des Jahres“ gewählt. Vor dem NSU Ro 80 wurden der Rover 2000 im Jahr 1964, der Austin 1800 im Jahr 1965, der Renault 16 im Jahr 1966 und der Fiat 124 im Jahr 1967 zum „Auto des Jahres“ in Europa gewählt. Ausschlaggebend für die Jury: die futuristische Keilform, sehr gute Aerodynamik, Wankelmotor, Frontantrieb, Servolenkung, Scheibenbremsen rundum und ein für die Zeit sehr modernes Fahrwerk. Gleichzeitig war es auch eine Art „Mutpreis“ für ein Auto, das sich deutlich von der damaligen Konkurrenz abhob. Das Design Museum in London bezeichnete den Ro80 gar als eines von fünfzig Automobilien, welche die Welt für immer veränderten.

Die Komponenten des Wankel-Motors. Bildquelle: makaule – stock.adobe.com
3: Vorsprung durch Technik
Der bekannte Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ stammt ursprünglich aus einer Werbe-Kampagne für den NSU Ro80. Insbesondere im Bereich der Aerodynamik setzte der Ro80 Maßstäbe. Neben der ikonischen Keilform sorgte der gewölbte Unterboden für Aufsehen. Dieser „Hängebauch“ erzeugte einen Abtrieb (im Gegensatz zu den Tragflächen von Flugzeugen, die genau andersrum gewölbt sind und einen Auftrieb erzeugen). Dieser Auftrieb sorgte für aerodynamische Stabilität. Entstanden ist die heutige Audi AG mit Sitz in Ingolstadt übrigens im Jahr 1969 durch die Fusion der Auto Union GmbH mit der NSU Motorenwerke AG zur Audi NSU Auto Union AG. Der Sitz war zunächst in Neckarsulm, weil NSU der Fusionspartner war. Erst 1985 wurde der Name auf AUDI AG verkürzt und der Firmensitz nach Ingolstadt verlegt.
4. Der besondere Gruß
Ro80-Fahrer grüßen sich gegenseitig mit zwei, drei oder vier ausgestreckten Fingern und zeigten damit, wie viele Motoren ihr Ro 80 schon verschlissen hatte. Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht. Der Wankelmotor im Ro 80 war vor allem anfangs anfällig, weil die Dichtleisten zwischen den Brennräumen nicht dauerhaft genug waren und schnell verschlissen. Dazu kam, dass die Technik noch nicht ausgereift war und der Motor im Alltag stark belastet wurde, etwa durch hohe Temperaturen und die besondere Bauart ohne klassische Kolben und Ventile. NSU musste deshalb bei vielen Fahrzeugen früh Motoren tauschen, was teuer war und den Ruf des Autos stark beschädigte – obschon der Austausch oftmals auf Kulanz und kostenfrei erfolgte.

Ein Blick in den Motorraum des Ro80. Bildquelle: Lothar Spurzem (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NSU_Ro_80,_Bj._76,_Motor_(Sp).JPG), „NSU Ro 80, Bj. 76, Motor (Sp)“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/legalcode
5: Motor-Genie ohne Führerschein
Felix Wankel (* 13. August 1902 in Lahr; † 9. Oktober 1988 in Heidelberg), der Erfinder des Wankelmotors, besaß selbst keinen Führerschein, entwickelte aber einen der faszinierendsten Motoren der Automobilgeschichte. Dass Wankel keinen „Lappen“ besaß, lag an seiner extremen Kurzsichtigkeit; er ließ sich aber später im eigenen Ro 80 chauffieren. Felix Wankel kam ab 1951 in den engeren Kontakt mit NSU, als er in Lindau seine Technische Entwicklungsstelle betrieb; die entscheidenden Arbeiten am Wankelmotor begannen dort aber schon früher, und der grundlegende Durchbruch gelang ihm 1954. Wankels Grab befindet sich auf dem Bergfriedhof in Heidelberg. Auf dem Granitfindling ist das Emblem eines Wankel-Motorkolbens eingelassen.

Bildquelle: insideportugal – stock.adobe.com
6: Die Sache mit der 80
Die „80“ im Namen Ro 80 war eine Typenbezeichnung und sollte für einen großen technischen Schritt nach vorn stehen. Die letzte interne Typenbezeichnung bei NSU war eigentlich Typ 40. Die „80“ stand dabei für ein modernes, zukunftsweisendes Auto, das deutlich über den bisherigen NSU-Modellen liegen sollte. Ursprünglich hatte NSU offenbar mit einem sehr ambitionierten Konzept gerechnet: 80 PS, 800 Kilogramm Gewicht, etwa 8 Liter Verbrauch auf 100 Kilometer und ein Preis von rund 8.000 DM. Am Ende lag der Wagen aber deutlich darüber, unter anderem mit rund 115 PS und einem Preis von etwa 15.000 DM. Auch eine 30.000-Kilometer-Garantie war Teil dieses modernen, selbstbewussten Anspruchs.
7: Der Name NSU
NSU steht nicht für eine Fantasie-Abkürzung wie „Näh- und Strickmaschinen-Union“ oder „Neckarsulmer Strickwaren-Union“, sondern für Neckarsulm, dem Standort der Firma. Ursprünglicher Name war: „Mechanische Werkstätte zur Herstellung von Strickmaschinen“. Ab 1886 stellte NSU aber Fahrräder her und war ab 1901 maßgeblich an der frühen Entwicklung von Motorrädern in Deutschland beteiligt. Mitte der 1950er Jahre war NSU nach Stückzahlen sogar der größte Zweiradhersteller der Welt. Zum 1. Januar 2025 waren in Deutschland noch immer 14.627 NSU-Krafträder zum Straßenverkehr zugelassen, das entsprach einem Anteil von 0,3 Prozent.
8: Willkommen im Club
Als einer der größten Clubs für Fans des Ro80 gilt der Ro 80 Club International e.V. Die aktive Gemeinschaft zählt mit über 1.000 Mitgliedern in rund 25 Ländern. Der Club wurde 1979 gegründet und versteht sich nicht nur als Treffpunkt für Ro-80-Besitzer, sondern auch für andere Interessierte an Kreiskolbentechnik. Der Club organisiert regionale Stammtische, Treffen, Ausfahrten und Messeauftritte, veröffentlicht das Wankel-Journal und bietet seinen Mitgliedern außerdem eine Plattform für technischen Austausch, Ersatzteile und Kontakte innerhalb der Szene.
Bonus: Wo kann man den Ro 80 heute noch erleben?
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Im Deutschen Museum in München, dort wurde auch der letzte in Serie gebaute Ro 80 übergeben.
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In der Pinakothek der Moderne in München.
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Im Depot des Deutschen Technikmuseums Berlin.
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Im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum.
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Im Audi Forum Neckarsulm.
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Im museum mobile in Ingolstadt.
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Im EFA-Museum für Deutsche Automobilgeschichte in Amerang.
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In der Autostadt Wolfsburg.
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Ein Schnittmodell des Ro 80 ist außerdem im Museum Autovision in der Dauerausstellung zum Wankelmotor zu sehen.

Deutsche Briefmarke zu „50 Jahre Wankelmotor“ aus dem Jahr 2007. Bildquelle: Prolineserver (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stamp_50_Jahre_Wankelmotor.jpg), „Stamp 50 Jahre Wankelmotor“, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/Template:PD-German stamps
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