Er war der erste Millionenseller von Mercedes-Benz. Und der erste Mercedes, mit dem die moderne E-Klasse-Geschichte Fahrt aufnahm. Und er war eines der zähesten und robustesten Fahrzeuge, welches die Stuttgarter jemals herausgebracht haben. Warum? Das erfahren Sie im Lauf dieses neuen Artikel auf Retromanie, und außerdem noch jede Menge nützliches Angeber-Wissen rund um den Strich-Acht. Zum Einstieg die wichtigsten Infos zum W114 / W115 in der Übersicht:
- Datum der Vorstellung: Am 9. und 10. Januar 1968 in Sindelfingen.
- reguläre Bauzeit der Baureihen W114 / W115: 1968–1976
- Gesamtproduktion aller Varianten: 1.919.056 Exemplare
- Die mit Abstand häufigste Variante: 1.833.442 Limousinen
- Seltener und heute sehr begehrt: 67.048 Coupés
- Heutiger Fahrzeugbestand laut KBA: 8.893 Fahrzeuge
- Damaliger Neupreis eines Mercedes 200 (1968): ab 11.495 DM
- Heutiger Gebrauchtwagenpreis: ca. 10.000 € bis 25.000 € (Coupés oft höher)
1. Ein echter 68er
Warum heißt der Strich-Acht eigentlich Strich-Acht? Das Kürzel bezog sich schlicht auf das Vorstellungsjahr 1968. Mit einem V8-Motor hat es nichts zu tun. Mercedes setzte bei den 1968 eingeführten Modellen zur Unterscheidung von älteren Fahrzeugen mit gleichen Typenbezeichnungen den Zusatz „/8“ ein, etwa beim 220 D/8. Daraus entstand der Spitzname „Strich-Acht“, der letztlich bekannter wurde als W 114/W 115.
Die Motorenpalette beim Strich-Acht reichte vom sparsamen 200 D mit 55 PS bis zum 280 E mit 185 PS. Angeboten wurden Vier-, Fünf- und Sechszylinder. Besonders bedeutend: Der 240 D 3.0 war 1974 der erste Serien-Pkw mit Fünfzylinder-Dieselmotor (siehe unten).

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2. W114 oder W115?
W 114 und W 115 sehen äußerlich fast identisch aus, unterscheiden sich aber vor allem bei der Motorisierung. Als W 114 liefen grundsätzlich die Modelle mit Sechszylindermotor, während die W-115-Baureihe den Vier- und später auch den Fünfzylindern vorbehalten war. Deshalb gehört selbst der legendäre 240 D 3.0 mit seinem Fünfzylinder zum W 115. Die eleganten Strich-Acht-Coupés zählen dagegen wegen ihrer Sechszylindermotoren durchweg zur Baureihe W 114. Anfangs ließen sich stärkere Versionen teilweise auch an äußerlichen Details wie den Doppelstoßstangen erkennen.
1968 startete der Strich-Acht bei 11.495 D-Mark. Inflationsbereinigt entspricht das heute ungefähr 27.000 Euro. Damit war der Mercedes zwar kein Schnäppchen, aber auch noch weit von heutigen E-Klasse-Preisen entfernt.

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3. Volkswagen mit Stern
1974 war der /8 mit 140.127 Neuzulassungen das meistverkaufte Auto in Westdeutschland und lag damit sogar vor Volkswagen. Geholfen hat dabei ein besonderes Übergangsjahr: Der Käfer verlor bereits an Bedeutung, während der neue Golf gerade erst gestartet war. Dieses kurze Zeitfenster nutzte der /8 perfekt aus.
Für seine Zeit bot der Strich-Acht erstaunlich viel Komfort. Je nach Modell und Ausstattung waren Automatikgetriebe, Servolenkung, Klimaanlage, Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber erhältlich. Dazu kamen eine komfortable Federung, großzügige Sitze und zahlreiche Sicherheitsverbesserungen. Ab 1973 gehörten dann nämlich ein Sicherheitslenkrad, Kopfstützen und Automatikgurte vorne zur Serie. Scheibenbremsen, Zweikreis-Bremssystem und die moderne Hinterachse sorgten zusätzlich für bessere Kontrolle und Fahrsicherheit.
4. 4,6 Millionen Kilometer
Schon mal was vom grieschischen Taxifahrer und Kilometerkönig Gregorios Sachinidis gehört? Sein Mercedes /8 legte im Taxi-Einsatz in Thessaloniki rund 4,6 Millionen Kilometer zurück. Mercedes sprach damals von der höchsten bekannten Laufleistung eines Fahrzeugs mit Stern. Ganz ohne größere Arbeiten ging das natürlich nicht: Mehrere Motoren wurden im Laufe der Jahre überholt und ausgetauscht. 2004 übergab Sachinidis den Wagen schließlich an die Mercedes-Sammlung und erhielt zum Abschied einen nagelneuen C 200 CDI. Faire Geste, oder?

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Vorgänger des Strich-Acht war die Mercedes „Heckflosse“ W 110, die noch deutlich vom Design der frühen 1960er-Jahre geprägt war. 1976 folgte der W 123, der Robustheit und Komfort weiterentwickelte und ebenfalls zum Millionen-Erfolg wurde.
5. Fünf Zylinder. Ein Diesel.
Im Juli 1974 brachte Mercedes mit dem 240 D 3.0 eine echte Weltpremiere auf die Straße: den ersten Personenwagen mit Fünfzylinder-Dieselmotor. Aus 3,0 Litern Hubraum holte der Selbstzünder 80 PS und erreichte rund 148 km/h. Der Sprint von 0 auf 100 km/h dauerte etwa 19,9 Sekunden – heute gemächlich, für einen Diesel der frühen 1970er aber durchaus beachtlich.
Der Strich-Acht gehört zu den direkten Vorfahren der heutigen E-Klasse. Auf ihn folgten 1976 der W 123 und 1984 der W 124. Erst mit dessen Modellpflege 1993 führte Mercedes offiziell die Bezeichnung „E-Klasse“ ein.

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6. Exquisit: Das Coupé.
Das Strich-Acht Coupé kam 1969 zu den Händlern und gehörte wegen seiner Sechszylindermotoren immer zur Baureihe W 114. Gegenüber der Limousine war das Dach rund 45 Millimeter niedriger, außerdem standen Front- und Heckscheibe flacher. Besonders elegant wirkten die rahmenlosen, vollständig versenkbaren Seitenscheiben; bei geöffneten Fenstern störte keine B-Säule die Seitenansicht. Technisch hatte das Coupé ebenfalls einiges zu bieten: Der 250 CE leistete mit Bosch D-Jetronic 150 PS, der spätere 280 CE sogar 185 PS und rund 200 km/h Spitze.
Der Franzose Paul Bracq prägte das Mercedes-Design der 1960er-Jahre maßgeblich und zeichnete auch für den Strich-Acht verantwortlich. Von ihm stammen unter anderem die Formen des berühmten SL „Pagode“ W 113 sowie der Oberklasse W 108/109. Später wechselte Bracq zu BMW und beeinflusste dort unter anderem das Design des ersten 5ers E12 und des 3ers E21.
7. Strich-Acht in XXL
Den Strich-Acht gab es nicht nur als klassische Limousine, sondern auch als Langversion mit deutlich mehr Platz. Ihr Radstand war um rund 650 Millimeter verlängert, sodass je nach Ausführung sieben oder sogar acht Personen mitfahren konnten. Solche Fahrzeuge waren vor allem bei Hotels, Taxiunternehmen und professionellen Fahrdiensten gefragt. Insgesamt entstanden 9.895 Langlimousinen. Zusätzlich lieferte Mercedes Fahrgestelle für Sonderaufbauten, daraus wurden unter anderem Krankenwagen, Leichenwagen und weitere Spezialfahrzeuge.
Ob „Derrick“, „Der Kommissar“, „Tatort“ oder später „Der Alte“: Der Strich-Acht gehörte zum Straßenbild vieler deutscher TV-Krimis. Mal spielte er Taxi, mal Dienstwagen oder einfach Alltagsauto und wurde so ganz nebenbei zum automobilen Zeitzeugen. International tauchte er unter anderem in „Starsky & Hutch“, „Detektiv Rockford“ und „Die Profis“ auf.

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8. Typisch Mercedes: Die Rückleuchten
Mit der großen Modellpflege 1973 erhielt der Strich-Acht seine markanten geriffelten Rückleuchten. Die Rippen sollten dafür sorgen, dass Schmutz und Spritzwasser schlechter haften und die Leuchten bei schlechtem Wetter länger sichtbar bleiben. Die geriffelten Heckleuchten wurden später über Jahrzehnte zu einem echten Mercedes-Markenzeichen.
Auch beim Radio ließ sich der Strich-Acht aufrüsten. Zur Auswahl standen unter anderem das Becker Europa, Grand Prix und später das Becker Mexico Cassette. Stereo und Kassettenspieler waren damals echte Luxus-Gimmicks und originale Becker-Geräte sind heute bei Restaurierungen entsprechend begehrt. Übrigens: Hier geht’s direkt zu unserem Beitrag zu den Becker-Radios.

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