Ihre Rennfahrerkarriere begann sie in den 1920er Jahren unter falschem Namen: „Fräulein Lehmann“ wollte besser nicht als Tochter des deutschen Industriellen Hugo Stinnes erkannt werden. Vor der spektakulären Pionierfahrt war ihr Pseudonym längst gefallen – und Clara Eleonore Stinnes – kurz: Clärenore – wurde zum Weltstar. Die Rennfahrerin, die reihum männliche Konkurrenten auf dem Parcours besiegte, fuhr als erster Mensch mit einem serienmäßigen Personenwagen um die ganze Welt, vom 25. Mai 1927 bis zum 24. Juni 1929. In einer Zeit, als befestigte Straßen der absolute Ausnahmefall waren und Tankstellen weitgehend unbekannt.
Einladung zur Abenteuerfahrt: In unserem Retromanie Oldtimer-Magazin von SJS Carstyling rollen wir Clärenore Stinnes heute den roten Teppich aus und halten dazu ein Gläschen Sekt bereit. Aber bevor wir vom perlenden Nass nippen, begeben wir uns mit ihr auf die Reise von Frankfurt nach Berlin – über Moskau, Japan und New York.
Wer war Clärenore – und was hat sie mit Stinnes Reifendienst zu tun?
Der Firmenname Stinnes klingt manchem Autofan im Ohr: Ist das nicht der bekannte Reifendienst? Ja, es handelt sich um dieselbe Familie, mehr aber auch nicht. Clara Eleonore war die Tochter des einflussreichen Ruhrgebiets-Industriellen Hugo Stinnes, sie ist am 21. Januar 1901 in Mülheim an der Ruhr geboren. Der Reifendienst stammt aus dem Jahr 1958. Er entstand als Tochtergesellschaft des damaligen Stinnes-Logistikkonzerns, fast 30 Jahre nach Clärenores großer Weltumrundung und ohne ihre Beteiligung.
Jetzt zu unserer Heldin: Bevor Sie sich voller Selbstvertrauen ans Steuer ihres Frankfurter Adler Standard 6 mit Sechszylinder-Reihenmotor und Hinterradantrieb setzte, hatte sie auf der Rennstrecke längst ihr Können bewiesen. Nach dem Tod ihrs Vaters 1924 hatte ihre Mutter sie zugunsten der Söhne 1924 aus dem elterlichen Betrieb gekegelt – danach tobte sich das Mädel hemmungslos auf der Rennstrecke aus. 17 Renntrophäen holte sie sich in der männerdominierten Domäne, ganz Europa feierte sie als erfolgreichste Rennfahrerin des Kontinents. Genug war ihr das noch lange nicht, sie wollte offensichtlich mit einem grandiosen Feuerwerk in die Geschichte eingehen.
Clärenore und die Adler: zwei Jahre bis zum ewigen Weltrekord
Gleich zwei Adler begleiteten Clärenore auf ihrem Weg: Der schon erwähnte Adler Standard 6 und ein Adler-Halbtonner-Lastwagen mit Benzin, Ersatzteilen und 148 hartgekochten Eiern. Eier? Ja, auch Reiseproviant muss sein und die Eier gehörten ausdrücklich dazu. Mit dabei waren auch zwei Techniker und der Fotograf und Kameramann Carl-Axel Söderström, den sie gerade zwei Tage vorher kennengelernt hatte. Pikant: Er war bereits verheiratet und entschied sich nach der Fahrt für seine Rennfahrerin, die er 1930 zur Frau nahm.
Rund zwei Jahre und einen Monat verbrachte Clärenore „on the road“, auch dort, wo es überhaupt keine Straßen gab. Große Sponsoren wie Bosch und Aral steckten ihr Geld in dieses Projekt und auch das Außenministerium und die deutschen Auslandsvertretungen engagierten sich kräftig: eine bessere Werbung für deutsche Produkte als diese gibt es wohl kaum!
Der treue Wächter: Noch jemand war auf der Weltumrundung dabei, nämlich ein schwarz-brauner Gordon Setter namens Lord. Clärenores treuester Begleiter diente ihrem „persönlichen Schutz“ und bewachte nachts die Campinggemeinschaft.

Eine Adler Standard 6S Limousine. Bildquelle: MartinHansV (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MHV_Adler_Standard_6S_1928_01.jpg), „MHV Adler Standard 6S 1928 01“, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/Template:PD-self
Nichts für schwache Nerven: Eiseskälte und Wüstenhitze
Erst ging die Fahrt über den Balkan, danach Richtung Moskau. Nicht einmal Sibirien war erreicht, da hatten sich die beiden Techniker schon aus dem Staub gemacht. Clärenore, Carl-Axel und Lord überstanden auch das besagte Sibirien, danach die Wüste Gobi und rollten triumphierend durch Peking. Sie setzten mit dem Schiff nach Japan über, anschließend nach Hawaii und schließlich nach Nordamerika.
Australien und Afrika berührten sie auf ihrer Weltreise nicht, doch leisteten sich die Rekordfahrer einen langen Abstecher über Mittelamerika nach Buenos Aires, danach über die Anden und nach Valparaíso in Chile. Noch einmal ging es aufs Schiff, um in Washington D.C. von Bord zu gehen und die Huldigung von US-Präsident Herbert Hoover entgegenzunehmen. Reichlich verdient! Und überall war die Filmkamera mit dabei, sodass wir heute noch im Netz ganz gefahrlos mitreisen können.

Clärenore Stinnes zusammen mit Kameramann Carl-Axel Söderström im Jahr 1930. Bildquelle: Robert Sennecke (1885–1940) (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Clärenore_Stinnes_und_Axel_Söderström_-_1930_-_by_Robert_Sennecke_-_published_in_Tempo_1930_-_cropped.jpg), „Clärenore Stinnes und Axel Söderström – 1930 – by Robert Sennecke – published in Tempo 1930 – cropped“
Drei Präsidenten, eine Reise: Der erste Eintrag ins Reisebuch stammt von Reichspräsident Paul von Hindenburg. In Detroit empfing Clärenore der berühmte Automobilpionier Henry Ford in präsidialer Kulisse – und schließlich schüttelte Hoover ihr persönlich beglückwünschend die Hand.
Angekommen – und umjubelt! 46.000 Kilometer und noch mehr
Washington blieb nicht die letzte Station in den USA, von dort ging es noch nach New York und wieder aufs Schiff. In Le Havre fuhren die Adler erneut an Land und machten sich auf zur AVUS nach Berlin, wo ein gewaltiger Empfang wartete. Ganz einig sind sich die Quellen nicht, ob Clärenore nun 46.063 oder 46.758 Kilometer zurückgelegt hat. Aber egal, sie wollten ohnehin spontan noch weiter: nach Stockholm, in Söderströms Heimat. Damit wurden es insgesamt 49.244 Kilometer und ein ewiger Rekord, an den wir uns bis heute erinnern: Die erste Autofahrt um die Welt mit einem Serien-PKW.
Was ist die AVUS? Die Abkürzung steht für „Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße“. Es handelt sich um eine der ältesten Autorennstrecken der Welt im Südwesten Berlins, gern auch „Mutter aller Autobahnen“ genannt. Eröffnet im Jahr 1921, ist sie heute in die Bundesautobahn 115 integriert.
Wie ging es weiter mit dem berühmten Fräulein Stinnes?
Wie schon gesagt, hat unterwegs die Liebe zugeschlagen. Heirat, drei eigene Kinder, mehrere Pflegekinder, ein Gutshof in Südschweden, ein bisschen Bullerbü – idyllischer könnte der Ausklang kaum sein. Söderström starb am 27. November 1976, Clärenore am 7. September 1990. Vorher gab sie noch einige spannende Interviews und natürlich hinterließ sie viel aufregendes Filmmaterial von ihrer langen, langen Fahrt. Der Originalfilm heißt übrigens „Im Auto durch zwei Welten“ und ist auf das Jahr 1931 datiert.
Zwischen Eis und Dynamit: Die unbarmherzige sibirische Kälte ließ sogar das Motoröl gefrieren, sodass die Reisenden es täglich neu auftauen mussten. Am Baikalsee warteten sie wochenlang, bis die treibenden Eisschollen zum Stillstand kamen und eine Überquerung auf der zugefrorenen Fläche möglich war. In den Anden ging es ganz anders zu: Dort brauchten sie manchmal Dynamit, um sich den Weg frei zu sprengen. Klingt wie aus einem Roman? Ist aber die Wirklichkeit.

Bildquelle: hanohiki – stock.adobe.com
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- Die Geschichte von BBS: Premiumfelgen aus dem Schwarzwald
- Tankstelle, aber in geil. Die Oldtimer Tankstelle in Hamburg.
Bildquelle Titelbild. KI-generiertes / verändertes Bild, erstellt mit OpenAI ChatGPT / DALL-E für Retromanie.

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